... und (juristische) Antworten:

Nein. Dazu zwei Beispiele: Gegenwärtig können Klagen gegen unzureichende Klimaschutzgesetze nur auf eine Gesundheitsverletzung gestützt werden. Dass eine solche unmittelbar droht, ist außerordentlich schwierig darzulegen, weshalb die Gerichte Klagen gegen die Untätigkeit der Regierungen regelmäßig abweisen. Artikel 1 würde das ändern. 
Das bisherige Datenschutzgrundrecht schützt vor allem vor einer unzulässigen Datenverarbeitung durch den Staat. Artikel 2 würde Ausforschung und Manipulation generell verbieten, also insbesondere die auf Persönlichkeitsprofilen basierten Geschäftsmodelle der großen IT-Konzerne. 

Grundrechte allein bewirken wenig, nicht einmal zum Wohlfühlen sind sie geeignet. Sie wirken nur, wenn man sie durchsetzt. Wenn die Menschen das tun, indem sie für eine gesunde Umwelt vor Gericht ziehen oder gegen Manipulation, unkontrollierte künstliche Intelligenzen, Lügen in der Politik und Menschenrechtsverletzungen im Welthandel – dann entstünde ein Europa, in dem wir uns wohler fühlen könnten als heute.  

Beides ist wichtig. Stellen Sie sich vor, es gäbe kein Recht auf Meinungsfreiheit. Wer würde dann sagen, ein solches Recht sei unsinnig, solange Menschen noch diskriminiert werden? Es ist wichtig, alle bestehenden Grundrechte einzufordern, und gleichzeitig für neue Herausforderungen neue Grundrechte zu formulieren.
Die Europäische Union sieht ein Verfahren vor zur Änderung der Grundrechtecharta, in die wir die neuen Grundrechte einfügen möchten: einen Grundrechtekonvent. Er kann einberufen werden von der einfachen Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten, also von mindestens 14 Ländern. Unser Ziel ist es, möglichst viele Unterschriften zu sammeln, um politischen Druck auf die Mitgliedstaaten auszuüben.
 
Eine feste Anzahl an Unterschriften gibt es dafür nicht. Je mehr, desto besser. Ein Anhaltspunkt könnte die Europäische Bürgerinitiative sein (siehe nächste Frage). Für sie sind mindestens eine Million Unterschriften aus mindestens sieben EU-Mitgliedstaaten erforderlich. 
Mit der Europäischen Bürgerinitiative kann man nur die Änderung von europäischem Sekundärrecht anstoßen, also von einfachen Gesetzen (in der EU werden diese „Verordnungen und Richtlinien genannt). Wir möchten aber das Primärrecht ändern, also die Grundlagen der EU, namentlich die Grundrechtecharta. Das geht mit der Europäischen Bürgerinititative nicht.
Natürlich. In einem Grundrechtekonvent stünde alles zur Debatte.
Nein, spätestens wenn es unsere Lebensgrundlagen berührt, wird es eine rechtliche Frage. Denn ausreichende Lebensgrundlagen sind die Basis aller anderen Rechte. Der Staat mag einen politischen Einschätzungsspielraum bei der Frage haben, wie er die Umwelt ausreichend schützt, nicht jedoch, dass er es genügend tut, wie etwa beim Klimaschutz.
Das Verbot der „Manipulation“ von Menschen ist im Kontext des gesamten Artikels 2 zu verstehen, also des Rechts auf digitale Selbstbestimmung. Verboten ist die Ausnutzung personenbezogener Daten, um Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen, ohne dass das für sie durchschaubar ist. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass Facebook an Ihrem Surfverhalten erkennt, dass Sie traurig sind und Ihnen deshalb Süßigkeiten zum Kauf anbietet, oder dass eine Firma mit Persönlichkeitsprofilen Personen identifiziert, die besonders empfänglich für rechtsradikale Parteien sind, um ihnen Wahlwerbung anzuzeigen – das wären nach Artikel 2 verbotene Manipulationen. Nicht verboten ist ganz gewöhnliche Werbung, die nicht auf personenbezogenen Daten basiert und die auch jeder Mensch als solche erkennen und einordnen kann.
Ja, das geht. Im Recht unterscheidet man Meinungsäußerungen von Tatsachenbehauptungen. Meinungen können nicht wahr oder unwahr sein, Tatsachen sind jedoch einem Beweis zugänglich. Zu behaupten, es gäbe keinen Klimawandel, ist objektiv unwahr. Zu sagen, man müsse auf den Klimawandel politisch nicht reagieren, ist eine Meinung und nicht angreifbar. Die Gerichte haben sehr viel Erfahrung darin, Meinungsäußerungen von Tatsachenbehauptungen zu unterscheiden und letztere auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, zum Beispiel in Beleidigungsprozessen, bei Streit um Bewertungen im Internet oder bei kritischen Presseberichten. Artikel 4 zwingt Amtsträgerinnen und Amtsträger dazu, nichts Unwahres zu sagen. Bislang dürfen sie das tun, also zum Beispiel den Klimawandel leugnen oder behaupten, irgendwelche „Kräfte“ wollten Europas Bevölkerung austauschen.
Grundrechte stellen nicht selbst das Verfahren zu ihrer Durchsetzung bereit. Artikel 4 konkret umzusetzen, obläge also dem Gesetzgeber. Das könnte zum Beispiel darauf hinauslaufen, dass nicht jede Unwahrheit vor Gericht gebracht werden kann, sondern nur ihre wiederholte Äußerung trotz Abmahnung.
Es gibt aktuell noch kein Lieferkettengesetz, nur einen Referentenentwurf, der von wichtigen politischen Akteuren abgelehnt wird. Selbst wenn in Deutschland ein Lieferkettengesetz in Kraft tritt, ändert das Gesetz nichts daran, dass die von Menschenrechtsverletzungen unmittelbar betroffenen Menschen im globalen Süden kaum Zugang zu gerichtlichen Verfahren in Europa haben. Daher ist es erforderlich, das Recht denjenigen zu geben, die nicht länger meist unwissend zum ungewollten Profiteur menschenrechtswidriger Zustände gemacht werden wollen, den Verbraucherinnen und Verbrauchern in Europa. Nur so ist es realistisch, dass selbst bei Verabschiedung eines Lieferkettengesetzes rechtliche Möglichkeiten zur Durchsetzung universaler Menschenrechte bestehen.
Bislang kann kein Mensch aus eigener Kraft den Europäischen Gerichtshof (EuGH) anrufen. Wer sich auf die Verletzung europäischen Rechts durch nationale Stellen beruft, muss darauf hoffen, dass ein nationales Gericht dem EuGH die Frage vorlegt, ob das tatsächlich der Fall ist. Artikel 6 würde eine Möglichkeit schaffen, dass jeder Mensch auch selbst vor den EuGH ziehen kann.

Der EuGH würde sicher mehr zu tun bekommen, überlastet würde er aber nicht: Denn direkt vor den EuGH gebracht werden könnten nur „systematische“ Verletzungen der Grundrechte, also zum Beispiel ein grundrechtswidriges Gesetz oder eine viele Menschen verletzende Regierungspraxis. Selbst wenn das zu vielen Klagen führen würde, könnte man den EuGH schlicht besser ausstatten: Die Ausgaben des Gerichtshofs haben nur einen Anteil von 0,3 Prozent am Budget der EU für 2021.